Freud und Leid im Kleingarten: Unsere Story Teil 2

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Teil 2: Unser erster Kleingarten – das Desaster

Letzte Gartenarbeiten vor der Zeit mit Baby
Letzte Gartenarbeiten vor der Zeit mit Baby

Etwas über ein Jahr in einer typischen Kleingartensiedlung lagen jetzt hinter uns. Als meine Elternzeit im Mai anfing, war ich wieder fast täglich im Garten. Viele Gartenarbeiten, insbesondere das Bücken, fielen mir jetzt schwer. Die Vereinsfeste mit dem Rauchen und dem Alkohol besuchten wir jetzt nicht mehr. Ich fühlte mich als Schwangere dort nicht mehr wohl.

Nachdem unsere Tochter im Juni geboren wurde, musste ich noch einige Zeit im Krankenhaus bleiben. Die Geburt verlief schwierig und ich hatte noch lange danach gesundheitliche Beschwerden. Haiko schaffte es, nur jeden zweiten Tag in diesem heißen Sommer zum Gießen in den Garten zu gehen.

Als ich unseren Kleingarten nach vier Wochen das erste Mal wiedersah, war ich sehr traurig. Vier Wochen notdürftige Pflege sind im Juni und Juli einfach nicht ausreichend und können einem liebevoll gepflegten Garten zusetzen. Als ich dann an meinem Geburtstag einen Brief vom Verein bekam, ahnte ich schon das dies weder für mich, noch für meine kleine Tochter ein Geburtstagsgruß war.  Mit einer Frist von wenigen Wochen sollten wir einen „ordnungsgemäßen Zustand“ herstellen. Es gab keine genaueren Erläuterungen, was dies zu bedeuten hatte.

Haiko telefonierte herum. Zuerst redete er mit einem Nachbarn, mit dem wir uns besonders gut verstanden und der auch zum Vorstand gehörte. Dieser versicherte ihm, dass Abmahnungen ohne vorheriges Gespräch nicht üblich seien und es dann auch immer eine Liste mit konkreten Arbeitsanweisungen geben würde. Mit einem zweiten Anruf vereinbarten wir ein Treffen mit dem Vorstand.

Da unser Garten unter meinen Namen eingetragen war, musste ich eine der kurzen Pausen zwischen den Stillzeiten nutzen, um zu dem Treffen zu gehen und die Situation hoffentlich zu retten. Das Treffen war seltsam: Natürlich war es wieder die Gründüngung und meine großen lila Glockenblumen wurden mit Brennesseln verwechselt. Darüber, dass der Garten derzeit nicht übermäßig gepflegt aussah, waren wir uns einig. Ich versuchte aufgrund meines Gesundheitzustandes und meines Babys eine Fristverlängerung zu erwirken. Außerdem wünschte ich mir konkrete Handlungsanweisungen. Vielleicht könnten wir den Garten dann auf eine Weise gestalten, dass er uns, den Nachbarn und dem Verein gefallen würde. Beides bekam ich nicht.

Mir wurde erklärt, dass bei einem „ordnungsgemäßer Zustand“ viel „nackte Erde“ zwischen den Pflanzen zu sehen sei. Also genau der Zustand, den man aus der Sicht des Naturschutzes vermeiden sollte. Wenn mir dies nicht gefalle, könne ich mich ja bei der Stadt beschweren oder den Verein verklagen.

— Die Rechtslage (ohne Gewähr / nach unserem damaligen Verständnis): Was den Zustand und das Erscheinungsbild eines Kleingartens angeht, macht das Bundeskleingartengesetz wenig Vorgaben – zum größten Teil bleibt das der Auslegung durch die Vereine überlassen. Die Vereine können eine Rechtsschutzversicherung haben. Als Pächter sucht man eine Rechtsschutzversicherung vergeblich, denn Kleingärten werden i. d. R. ausdrücklich ausgeschlossen – die Versicherungen habe sicherlich ihre Gründe. Wenn Pächter sich nicht an die Fristen halten, ist es möglich, dass jemand aus dem Verein, die Pflanzen aus dessen Garten entfernt und ihm diese Arbeiten in Rechnung stellt. Im schlimmsten Fall ließe es die Rechtslage zu, dass der Garten dem Verein ohne Besitz des Pächters – also mit blanker Erde – zurückgegeben wird. Die Kosten, die in diesem Fall für den Pächter anfallen, sind enorm. —

Ich schrieb einen Brief an den Kreisverband mit der Bitte um Schlichtung und Vermittlung unter Berücksichtigung meiner Situation als junge Mutter mit vorübergehenden gesundheitlichen Beschwerden. Auf meine Bitte wurde in keinsterweise eingegangen. Es gäbe Fotos und die Nachbarn würden sich durch unseren Garten belästigt fühlen.

Viele Tage und Nächte versuchte ich, die Situation zu verstehen. 300 Gartenparzellen, bei denen unsere bei weitem nicht die ungepflegteste war – warum gerade wir? Wollte uns jemand aus dem Vorstand schon lange loswerden und nutzte nun unseren schwächsten Moment dazu aus? Lief da schon seit längerem eine Intrige gegen uns, von der wir nichts geahnt hatten? Oder waren wir nur ein Ventil für den Frust und die Zukunftsängste, die den Verein plagten? Vielleicht wollte man uns einfach mit drastischen Maßnahmen ‚umerziehen‘?

Unser erster Kleingarten
Auf Nie-mehr-Wiedersehen, lieber Garten!

Dann allerdings wurde mir klar, dass ich die falschen Fragen stellte. War denn dieser Kleingarten das, was wir uns gewünscht hatten? War es realistisch, dass wir unsere Umwelt- und Naturschutzgedanken dort verwirklichen konnten? Schmeckte uns das Gemüse aus dem eigenen Garten überhaupt noch – jetzt da wir uns über unbekannte Abwässer und Chemikalienrückstände Gedanken machen mussten? So schwer es auch war und sein würde, es war Zeit für einen Abschied von unserem ersten Kleingarten –  nach nicht einmal zwei Jahren.

Zuerst einmal mussten wir den ‚ordnungsgemäßen Zustand‘ wiederherstellen. Dazu kümmerte sich der eine jeweils um das Baby und der andere rupfte den Großteil der Pflanzen aus. Wir füllten alles in große blaue Säcke, harkten noch einmal durch und hatten nach wenigen Tagen den „ordnungsgemäßen Zustand“ erreicht. Zerstören ist soviel einfacher und schneller als Aufbauen und Erhalten. Dafür gab es dann auch ein Lob von unserem Nachbarn von rechts, dass wir einfach mal überhörten.

Leider mussten wir bei der Müllannahme lernen, dass Pflanzen in Säcken nur bei sofortiger Lieferung kompostierbar sind. Und so wurde die ganze Blütenpracht – die ganzen Edelweiße, Enziane, Mohnblumen, Schlüsselblumen und die geächtete Gründungung – letztlich zu Restmüll.

Den Garten wieder zu verkaufen war alles andere als einfach. Kleingärten waren zu dieser Zeit nicht sonderlich begehrt. Bei der Erstellung des Wertgutachtens wollte die Gutachterin unsere Gemüsebeete nicht anerkennen, weil der Platz angeblich unüblich sei. Wir sollten diese bitte einebnen und neuen Rasen aussäen, sonst gäbe es Abzug im Wert. Das entlockte mir gerade mal ein müdes Lächeln. Mussten wir mit dem Preis doch eh weit unter das Wertgutachten gehen, um den Garten überhaupt loszuwerden. Mit einem schlafenden Baby in der Trage streitet es sich auch nicht sonderlich gut. Zusätzlich wollte der Verein 500 Euro Vermittlungs- und Verwaltungsgebühr von uns haben – leider ohne Vermittlung.

Nach einigen Monaten des Bangens, in denen wir immer wieder Internet- und teure Zeitungsannouncen veröffentlichten, hatten wir endlich zwei Interessenten. Ein Interessent meldete sich nicht mehr und der andere handelte uns mit dem Preis dann noch einmal herunter. Aber was sollten wir tun? Die Aussicht darauf, noch ein Frühjahr und einen Sommer mit wahllosem Ausrupfen von Pflanzen zu vergeuden war für uns undenkbar.

Ein Familienvater mit vier Kindern übernahm unseren Kleingarten. Wir versuchten ihn vorsichtig darauf vorzubereiten, dass der Verein, was das menschliche Miteinander angehe, schwierig sei. Der freundliche Familienvater erzählte uns, dass er in seinem Leben, von Leiharbeit zu Leiharbeit, viele schwierige Situation durchgestanden habe – er sei dies also gewöhnt. Für uns war das eine traurige Erkenntnis: Was für uns ein unvergleichliches Desaster war, war für andere vielleicht einfach nur der Alltag.

In diesen ganzen Monaten der Enttäuschung und der Unsicherheit fühlten wir uns in der Wohngegend nicht mehr wohl. Niemals wollten wir mehr einen Spaziergang durch diese Kleingartensiedlung machen. Es war Zeit, mit unserem Baby an einem anderen Ort neu anzufangen.

Wir wissen nicht, was aus unserem ersten Kleingarten geworden ist. Es ist geplant, dass ein paar Meter davon entfernt die riesigen Stützen einer Seilbahn gebaut werden. Ob es die Kleingartensiedlung dann überhaupt noch so geben wird?

In einer dunklen Nacht kurz nach dem Brief des Vereinsvorstands träumte ich davon, dass ich Jahre später zu meinem früheren Garten zurückkehren würde und es war nur noch ein Park mit großen Wiesen an dieser Stelle vorhanden. Und alle Aufregung und aller Schmerz verschwanden in diesem sonnendurchfluteten Park und dem fröhlichen Vogelgezwitscher.

Glücklicherweise endet unsere Gartengeschichte an dieser Stelle nicht. Das wäre ja einfach nur traurig und diesen Blog gäbe es dann auch nicht…

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Buchempfehlungen für einen artenreichen Garten:

Unser Lieblingsbuch: „Der Biogarten: Das Original“

Sehr schön sind auch:
„Das große Ulmer Biogarten-Buch
„Das große Biogarten-Buch“

Oder für Einsteiger:

„Der Biogarten für Einsteiger: Basiswissen und Praxis
„Biogärten im Handumdrehen – 50 einfache Projekte für naturnahe Gärten

Wer sich ein etwas „wilderes“ Gartenaussehen erlauben kann (ohne übermäßigen Stress mit Nachbarn und Gartenvorstand ;-)), kann es auch mit Permakultur versuchen:

„Prinzip Permakultur: Wie Einsteiger und Selbstversorger im Einklang mit der Natur erfolgreich gärtnern (GU Garten Extra)
„Permakultur für alle. Harmonisch leben und einfach gärtnern im Einklang mit der Natur
„Mein Selbstversorger-Garten am Stadtrand: Permakultur auf kleiner Fläche
Sepp Holzers Permakultur: Praktische Anwendung für Garten, Obst- und Landwirtschaft“

Für mehr Spaß im Garten sehr zu empfehlen:

„Gelassen gärtnern: 99 Gartenmythen und was von ihnen zu halten ist“

Viel Spaß beim Lesen!